Johann Heinrich Voß

Johann Heinrich Voß als junger Mann

Johann Heinrich Voß wurde am 20. Februar 1751 in Sommerstorf bei Waren in Mecklenburg geboren. Sein Vater, der ebenfalls Johann Heinrich hieß (1714–1778), stammte aus einfachen Verhältnissen — er war der Sohn eines freigelassenen leibeigenen Rademachers aus Großen Luckow —, hatte jedoch eine grundlegende Schulbildung genossen und sich als junger Mann in vierzehnjähriger Tätigkeit als Kammerdiener und Sekretär des Lübecker Domherrn von Witzendorf eine gewisse Weltläufigkeit und Bildung erworben. So führten ihn die Reisen des Domherrn nicht nur nach Hamburg, wo er unter anderem die Oper kennenlernte und die berühmten Dichter Brockes und Hagedorn sah, sondern auch an den preußischen Hof in Berlin, wo sein Herr mehrere Jahre als hannoverischer Gesandter tätig war. In die mecklenburgische Heimat zurückgekehrt, pachtete der 30jährige 1744 das Grubenhagener Vorwerk Buchholz. Eine erste Ehe, aus der vier Töchter hervorgingen, endete schon 1749 tragisch, als Frau und Kinder einer Pocken-Epidemie zum Opfer fielen. Nach Ablauf der Pacht zog Voß 1750 nach Sommerstorf, wo er sich mit der Küsterstochter Katharina Dorothea Karsten (1718–1798) verband. Sie brachte am 20. Februar des folgenden Jahres ihr erstes Kind, den nach seinem Vater benannten späteren Dichter und Übersetzer zur Welt. Die Heirat der Eltern erfolgte gleichwohl erst mehrere Monate später, bevor die junge Familie in die Kleinstadt Penzlin zog. Der Vater pachtete dort den sogenannten Dammzoll und erwarb das Recht des Bierbrauens und Branntweinbrennens, so dass er sich und der wachsenden Familie in den folgenden Jahren als Zolleinnehmer und Gastwirt eine sichere und auskömmliche Existenz aufbauen konnte.

Der junge Johann Heinrich wuchs also zunächst in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen auf. Nach dem ersten Unterricht auf einer Klippschule besuchte er ab dem achten Lebensjahr die Penzliner Stadtschule, auf der er bereits grundlegende Lateinkenntnisse erwarb und sich als ausgesprochen begabter, wissbegieriger und fleißiger Schüler weit vor allen anderen auszeichnete. Mit dem Siebenjährigen Krieg und der Besetzung Mecklenburg-Schwerins durch preußische Truppen setzte dann jedoch ein nachhaltiger wirtschaftlicher Niedergang der Familie ein. Als 1759 die Stadt Penzlin die von den preußischen Besatzern geforderten hohen Kontributionen nicht aufbringen konnte, wurde Vater Voß — zusammen mit dem Bürgermeister und Apotheker der Stadt — als Geisel genommen und musste über ein Jahr lang (und auf eigene Kosten) in Stettin ausharren. Trotz der daraus sowie aus dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang des Landes folgenden Verarmung der Familie konnte der Sohn Johann Heinrich ab 1766, also ab dem 15. Lebensjahr, die weiterführende Lateinschule im benachbarten Neubrandenburg besuchen, was jedoch nur durch vielfache Entbehrungen und durch den Genuss von Freitischen bei mildtätigen Neubrandenburger Bürgern möglich war. Bezeichnend für den zeitlebens zum autodidaktischen Selbststudium neigenden Voß ist, dass ihm die intensive, gleichwohl recht staubige und trockene Wissensvermittlung in dieser Lateinschule alten Musters nicht ausreichte und er eine Geheimgesellschaft gründete, in der bei wöchentlichen Treffen mit einigen Mitschülern selbständig Griechisch und Latein getrieben wurde, in der aber auch — soweit erreichbar — die aktuellen deutschsprachigen Dichtungen von Ramler, Klopstock, Gellert, Hagedorn, Haller und Uz begeistert gelesen und diskutiert wurden.

Nach der Beendigung des Schulbesuchs in Neubrandenburg im Jahr 1769 war der Bildungsweg Vossens dann jedoch zunächst einmal beendet: Die fatale wirtschaftliche Situation der Eltern machte ein Universitätsstudium unmöglich, und Voß war gezwungen, eine Stelle als Hauslehrer beim Gutsbesitzer von Oertzen im nahen Ankershagen anzutreten. Es wurde eine mehr als zweieinhalbjährige »Prüfungszeit« in der Voß bei geringem Lohn beständigen Demütigungen ausgesetzt war, und in der in ihm, den schon als Schüler nicht nur ein starker Gerechtigkeitssinn, sondern auch ein ausgeprägtes Ehrgefühl ausgezeichnet hatte, der Keim zu seiner späteren schneidenden Adelskritik, zu seinem lebenslangen Hass auf Standesprivilegien und Adelswillkür gelegt wurde. Ein Hofmeister war in den Augen seiner Herrschaft nicht viel mehr als ein einfacher Domestik, und vor allem die Frau von Oertzen ließ ihn dies immer wieder fühlen.

Große Bedeutung für Voß gewann in dieser Zeit die Bekanntschaft mit Ernst Theodor Johann Brückner (1746–1805), dem aufklärerisch denkenden jungen Pastor im benachbarten Groß Vielen, der bereits als Dichter debütiert hatte und Voß lebenslang als Freund eng verbunden bleiben sollte.

Die Rettung aus seiner bedrückenden Lage kam für den Einundzwanzigjährigen dann Anfang 1772, als ihn Heinrich Christian Boie (1744–1806), der Gründer und Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs, in die berühmte Universitätsstadt Göttingen holte und ihm durch vielfältige Unterstützung die Aufnahme eines Studiums ermöglichte. Hier erfuhr Voß zum ersten Mal in seinem Leben Anerkennung als Dichter: Bereits Boies Einladung beruhte auf den Gedichten, die Voß ihm von Ankershagen aus gesandt hatte. Der prägende Einfluss der Göttinger Zeit bestand dann weniger in dem aufgenommenen Studium als vielmehr in der Verbindung zu jenen jungen Dichtern, deren Bund als der »Göttinger Hain« in die Literaturgeschichte eingehen sollte, und die Voß zu ihrem Ältesten machten. Voß stand hier im Mittelpunkt eines jungen, enthusiastischen Literatenzirkels, denen vor allem Ludwig Christian Hölty, Johann Friedrich Hahn, Johann Martin Miller, die Brüder Stolberg und natürlich der Herausgeber des Musenalmanachs Boie angehörten, und die in dieser Zeit in gewisser Weise die Avantgarde der deutschen Lyriker darstellten. Man traf sich wöchentlich, rezitierte und kritisierte wechselseitig seine neuesten Gedichte, von denen nur die von allen für würdig befundenen in das gemeinsame »Bundesbuch« eingetragen wurden, man ließ den als poetisches Vorbild über alles verehrten Klopstock hochleben und verbrannte mit jugendlichem Tugendpathos die Schriften des als sittenlosen Rokokodichters abgelehnten Wieland. — Voß, der sich als Student der Theologie eingeschrieben hatte, wechselte bald zu den philologischen Studien, und — auch dies von grundlegender Bedeutung für seinen weiteren Lebensweg — lernte Boies Schwester Ernestine zuerst brieflich, dann 1774 bei einer Reise nach Flensburg auch persönlich kennen und lieben.

Im Frühjahr 1775, nachdem sich der Hainbund durch den Weggang der meisten Mitglieder praktisch aufgelöst hatte, siedelte Voß nach Wandsbek in die unmittelbare Nähe von Matthias Claudius über. Der wichtigste dichterische Ertrag der knapp dreieinhalb Wandsbeker Jahre liegt im Bereich der Idylle, der sich Voß, angeregt durch das Studium Theokrits, bereits gegen Ende der Göttinger Zeit zugewandt hatte (Die Leibeigenschaft, 1774/75). Die hier von ihm begründete neue Form der ›realistischen‹, sozialkritischen Idylle führte er in Wandsbek fort (Die Bleicherin, Das Ständchen), wobei er sich auch der plattdeutschen Sprache bediente (De Geldhapers, De Winterawend). Gleichzeitig übersetzte Voß intensiv, besonders aus dem Griechischen (Beginn der Odyssee-Übersetzung), und schrieb Gedichte, vor allem für seinen Almanach: Heinrich Christian Boie hatte ihm die Herausgabe des Göttinger Musenalmanachs überlassen, den er nun von Wandsbek aus — nach erfolglosen Verhandlungen mit dem bisherigen Göttinger Verleger Dieterich — zunächst im Selbstverlag, dann unter günstigeren Bedingungen bei Bohn in Hamburg weiterführte. Obwohl Voß damit bereits über gewisse, wenn auch nicht allzu sichere Einkünfte verfügte, dauerte es noch bis 1777, ehe Ernestines Mutter zur Einwilligung in die Hochzeit der beiden bewegt werden konnte — einem Kandidaten ohne festes Amt mochte sie ihre Tochter nicht geben, und es bedurfte großer Hartnäckigkeit und am Ende auch eines hart an Erpressung grenzenden Schachzugs der beiden Verlobten, um sie zur Änderung ihrer Meinung zu bewegen.

Das von Mutter Boie verlangte Amt bekam Voß dann 1778, als er die Rektorstelle an der Lateinschule in Otterndorf (im Land Hadeln an der Niederelbe) antrat. Die junge, stetig wachsende Familie — von den insgesamt fünf Söhnen war der erste bereits in Wandsbek zur Welt gekommen, zwei weitere wurden in Otterndorf geboren — hatte so ein gesichertes Einkommen, wenn ihr auch die damals in Hadeln grassierende Malaria und Voß die hohe Arbeitsbelastung als Lehrer arg zusetzte, die ihm wenig Zeit für seine Dichtungs- und Übersetzungsprojekte ließ. Im Mittelpunkt der letzteren stand die Vollendung der in Wandsbek begonnenen, bahnbrechenden Übersetzung von Homers Odüßee, die Voß zunächst mit einem ausführlichen Kommentar, dann aber, als sich hierfür nicht genug Subskribenten fanden, 1781 unkommentiert im Selbstverlag veröffentlichte. Aufsätze zur homerischen Weltkunde, die ursprünglich als Teile des Odyssee-Kommentars gedacht waren, folgten. Außerdem übertrug er aus dem Französischen Die tausend und eine Nacht: Arabische Erzählungen (1781–5).

Doch auch die für Voß charakteristische Bereitschaft zum öffentlich ausgetragenen Streit zeigte sich bereits in der Otterndorfer Zeit deutlich. So vollzog er nicht allein den Bruch mit seinem ehemaligen akademischen Lehrer, dem Göttinger Philologen Christian Gottlob Heyne (1729–1811), sondern ließ sich auch von Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) in einen heftigen, über mehrere Jahre sich hinziehenden publizistischen Streit verwickeln, bei dem es vordergründig um die korrekte Aussprache des griechischen η im Deutschen, für Voß aber um die grundlegende Verteidigung seines Übersetzungskonzeptes, seiner Wissenschaftsauffassung sowie letztlich seiner persönlichen Ehre überhaupt ging.

Die gesundheitlichen Probleme der Familie und die hohe Arbeitsbelastung in Otterndorf führten 1782 dazu, dass Voß die ihm von seinem Hainbundfreund Friedrich Leopold Stolberg vermittelte, besser bezahlte und mit größeren Freiheiten verbundene Rektorstelle in Eutin annahm. Hier überarbeitete und vollendete Voß seine Homer-Übersetzung (1793), übersetzte und kommentierte den gesamten Vergil (1789–99) und Ovids Verwandlungen (1798) und begann die 1806 bzw. 1808 veröffentlichten Übertragungen des Horaz, Hesiod und Theokrit. Daneben entstanden gelehrte Abhandlungen zur alten Weltkunde, zur antiken Mythologie (Mythologische Briefe, 1794) und zur Metrik (Zeitmessung der deutschen Sprache, 1802). In der Eutiner Zeit liegt zugleich der Höhepunkt der dichterischen Produktivität Vossens. Sie steht — wie schon in Wandsbek und Otterndorf — in engem Zusammenhang mit dem Musenalmanach, den Voß bis 1800 jährlich redigierte: Nicht nur den größten Teil seines lyrischen Werks, sondern auch fast alle Idyllen wurden hier zuerst veröffentlicht. Nach 1800 dann erlahmte Vossens poetische Produktivität erstaunlich rasch. Auch sein vor allem im 19. Jahrhundert berühmtestes Werk, die (teilweise bereits in Otterndorf begonnenen) drei Luise-Idyllen, wurden zunächst 1783/84 separat veröffentlicht (zwei im Vossischen Musenalmanach, eine in Wielands Teutschem Merkur) und dann 1795 gemeinsam in überarbeiteter Form als Buch herausgegeben.

Die jährliche Arbeit am Musenalmanach brachte für Voß eine große Zahl brieflicher Kontakte mit sich — so etwa mit Leopold Friedrich Günther Goeckingk, dem Mitherausgeber der Jahrgänge 1781–1788 und mit Johann Abraham Peter Schulz, Vossens Lieblingskomponisten, der eine große Zahl von Liedvertonungen beisteuerte, die dem Almanach als Notenkupfer beigegeben wurden und sich beim Publikum großer Beliebtheit erfreuten. Neben dem brieflichen Kontakt zu den Hainbundfreunden Johann Martin Miller (1750–1814) und Friedrich Leopold Graf zu Stolberg ist vor allem der Briefwechsel mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803) in dieser Zeit sehr umfangreich: Gleim, der Halberstädter Domsekretär, Mäzen und Dichter, hatte nicht nur seit 1776 die (nach Voß) größte Zahl an Beiträgen für den Musenalmanach geliefert, sondern war Voß und seiner Frau Ernestine zunehmend auch als Freund verbunden — eine Freundschaft, die sich durch einen Besuch Vossens im Jahre 1794 in Halberstadt (weitere Besuche folgten 1796, 1797, 1799 und 1802) weiter festigte und bis zu Gleims Tod anhielt.

Auf der ersten Reise zu Gleim machte Voß dann auch im Juni 1794 einen Abstecher nach Weimar, wo er unter anderen Wieland, Herder und Goethe kennenlernte, mit denen er sich vor allem über Übersetzungsfragen und über die antike Metrik austauschte.

Doch trotz dieser persönlichen Kontakte zur überregionalen Literaturszene lebte Voß in Eutin literarisch eher isoliert. Zwar gab es etliche bedeutende Dichter und Gelehrte, die den berühmten Rektor in Eutin aufsuchten, doch kaum Freunde, mit denen Voß sich dauerhaft über literarische Fragen austauschen und anregen lassen konnte. Der Hainbundfreund Friedrich Leopold Stolberg war schon ab 1783 kaum noch in Eutin anwesend, und als Stolberg 1793 als Kammerpräsident zurückkehrte, begann sich die Freundschaft zwischen den beiden aufgrund tiefliegender politischer und religiöser Differenzen bald abzukühlen — Stolbergs Konversion zum Katholizismus im Jahr 1800, die den endgültigen Bruch brachte, war nur das Ende eines langen Entfremdungsprozesses. Überhaupt vermied Voß in Eutin gesellschaftlichen Umgang nach Möglichkeit und pflegte nur mit wenigen Freunden und Nachbarn — so dem Arzt und Mathematiker Christoph Friedrich Hellwag — engere Verbindungen. So lebte Voß in Eutin im Wesentlichen für seine philologischen und poetischen Arbeiten, die er neben seinen zunehmend als belastend empfundenen pädagogischen Amtspflichten und der Almanachsarbeit mit großer Energie vorantrieb. Voß arbeitete mit einer teilweise an Besessenheit grenzenden Rastlosigkeit — »Deine Arbeitsamkeit ist mir unbegreiflich« schrieb ihm Johann Abraham Peter Schulz, »Ich weiß nicht, wie du es machst, und wie du es aushältst.« Dass diese enorme Produktivität ihn nicht nur — vor allem in den 1790er Jahren — zeitweise reizbar und nervös machte, sondern auch ernste gesundheitliche Probleme nach sich zog, nimmt nicht Wunder. Voß litt offenbar zunehmend unter psychosomatischen Erkrankungen, so fast beständig unter Tinnitus, seinem »Ohrenteufel«, und überlebte eine schwere Hirnentzündung im Dezember 1796 nur mit knapper Not.

Die andauernden gesundheitlichen Probleme brachten ihn dazu, sich bei seinem Dienstherrn, dem Eutiner Fürstbischof und Herzog von Oldenburg, Peter Friedrich Ludwig, um eine Befreiung von seinen Dienstpflichten und um eine Pension zu bemühen, die er im Jahre 1802 auch erhielt. Voß zog mit seiner Familie zunächst nach Jena, wo die Söhne Heinrich und Wilhelm studierten. Hier stand er in engem Kontakt mit dem Aufklärungstheologen Johann Jakob Griesbach (1745–1812), dessen umfangreiche Bibliothek er vor allem zu germanistischen Sprachstudien nutzte. Der Plan zu einem Deutschen Wörterbuch, für das Voß deutsche Autoren des 15. und 16. Jahrhunderts exzerpierte, kam jedoch über umfangreiche Vorstudien nicht hinaus. Durch die räumliche Nähe zu Weimar ergaben sich auch intensivere Kontakte zu Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe — vor allem der letztere bemühte sich um Voß, den er als Kenner der Antike und Autorität in Fragen der Metrik anerkannte und als Ratgeber schätzte. Goethe war es auch, der Voß als Beiträger für die 1804 neugegründete Jenaische Allgemeine Literaturzeitung gewann. Voß veröffentlichte hier eine Reihe von Rezensionen (darunter auch eine vernichtende Analyse der Heyneschen Ilias von 1803) sowie mehrere Aufsätze zur alten Weltkunde und Mythologie.

Zwar bemühte sich Goethe intensiv, Voß in der Nähe Weimars zu halten und verschaffte — sicherlich auch in dieser Nebenabsicht — seinem begabten Sohn Heinrich eine Stelle als Professor am Weimarer Gymnasium. Gleichwohl nahm Voß 1805 einen Ruf als Berater der Universität Heidelberg an, wohin ein Jahr später auch der Sohn Heinrich den Eltern folgte. Voß lebte in Heidelberg weitgehend im Ruhestand und widmete sich in den nun folgenden gut zwanzig Jahren vornehmlich seinen wissenschaftlich-philologischen Interessen. In dieser Zeit entstanden keine eigenen Dichtungen mehr, wohl aber eine Vielzahl weiterer Übersetzungen aus dem Griechischen und Lateinischen (Horaz und Hesiod 1806, Theokrit, Bion und Moschus 1808, Tibull und Lygdamus 1810, Aristophanes 1821, Arat 1824, Properz 1830), aber auch eine von Heinrich begonnene und zusammen mit ihm und dem jüngsten Sohn Abraham ausgeführte Übersetzung der Dramen Shakespeares (1818–29). Daneben trat nun der Polemiker Voß in den Vordergrund: Nach anfänglich positiven Kontakten zu den in Heidelberg anwesenden Romantikern geriet er bald in gleichermaßen persönlich wie weltanschaulich geprägte Streitigkeiten mit Clemens Brentano, Joseph Görres und Achim von Arnim, vor allem aber mit dem Altphilologen Friedrich Creuzer (1771–1858), dessen entschieden romantisch ausgerichteten Mythenforschungen (Symbolik, 1810–23) Voß in seiner Antisymbolik (1824–26) mit grobkörniger Rhetorik entgegentrat. — Großes Aufsehen machte 1819 die späte persönliche Abrechnung mit dem ehemaligen Freund Stolberg in der Streitschrift Wie ward Friz Stolberg ein Unfreier? Mit ihr reagierte Voß auf die von ihm erbittert abgelehnten restaurativen Tendenzen der Zeit, auf das historische Bündnis von Absolutismus, Aristokratie und katholischem Klerus, für das er Stolbergs Haltung und dessen persönliche Entwicklung als exemplarisch ansah.

Er starb in Heidelberg am 29. März 1826 im Alter von 75 Jahren.

Entnommen aus: Baudach, Frank (2024). Voß-Studien: Beiträge zum Wirken und zum Netzwerk von Johann Heinrich Voß. Mit einem Nachwort von Axel E. Walter. Im Namen der Eutiner Landesbibliothek herausgegeben von Wolf Thomas Trüter. (Eutiner Bibliothekshefte, 10). Eutin: Eutiner Landesbibliothek.